Anfrage zum Thema der Seite Druckansicht öffnen Diese Seite weiterempfehlen

Teil 9 - Lederfabrik und Osterbräuche



Aus der Familiengeschichte des Buchhändlers Julius Reichel geht hervor, daß es schon eine Gerberzunft um 1640 in Redwitz gab. Ein zugewanderter Weißgerbergeselle aus Zwickau, mit dem Namen Kaspar Reichel, heiratete die junge Witwe des Bürgers und Ratsherrn Zeydlhack. Das männliche Geschlecht des in Redwitz ansässig gewordenen Kaspar Reichel hatte fast 250 Jahre in Redwitz die Gerberei ausgeübt. Der bedeutendste Nachkomme dieses Geschlechts war Johann Friedrich Reichel, der im Jahr 1774 in der "Badgaßvorstadt" Nummer 144 (jetzt Ottostraße 18) geboren wurde und später als Vorstand des Redwitzer Gemeindekollegiums und 1824 bis 1830 als Bürgermeister große Verdienste in Redwitz erwarb. Sein Sohn Johann Gottfried Reichel hatte um 1824 die Weißgerberei übernommen und stellte 1847, als der Bedarf von Sämischleder zurückging, die Weißgerberei auf Rotgerberei um. Der Sohn Georg Reichel vergrößerte den vom Vater übernommenen Betrieb und rüstete denselben auf Maschinenbetrieb um. Infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Umwälzung gegen Ende des Jahrhunderts stellte Georg Reichel das von seinen Vorfahren übernommene Gerbergewerbe ein.


Aus einer Niederschrift meines Schullehrers Alfred Ittner ist zu erwähnen, daß sein Jugendfreund Julius Reichel in der Ottostraße 18 wohnte und das Geschlecht der Reichel fabrikmäßig eine Gerberei betrieben habe. Der Reichelsbesitz an der Ottostraße ging bis weit über den Reiserberg. Da war eine Lederfabrik mit einem großen Garten. Dort waren runde, tiefe Gruben, genannt Lohgruben, in denen die Tierhäute mit Eichenrinde gegerbt wurden. Der große Garten hinter der Fabrik war in unserer Jugendzeit das schönste von Redwitz. Wir durften im Garten, der mit Obstbäumen und Beerensträuchern bepflanzt war, in der Reifezeit nach Herzenslust ernten und essen, was wir wollten.

Zum Schluß "Osterbräuche in Redwitz": Die alten Sitten und Gebräuche waren oft die drolligsten Einfälle. Trotzdem haben sie sich Jahrhunderte lang gehalten. Früher wurden am Palmsonntag die Zweige einer Weide (Palmkätzchen) unter den First des Daches gesteckt, damit das Haus vor Feuer verschont blieb und im Stall ersichtlich angebracht, damit Unheil vom Vieh fernbleibt. Die Hühnereier, die am Gründonnerstag gelegt wurden, gehörten den Männern, die am Karfreitag gelegten den Frauen. In der Karwoche durfte unter gar keinen Umständen Wäsche gewaschen werden, sonst kommt Krankheit ins Haus. Am Morgen des 1. Osterfeiertages, früh vor Sonnenaufgang, sollte man über die Brücke eines Baches gehen und sich anschließend im Bach waschen, dann bleibt man das ganze Jahr hindurch gesund und schön. Einen Krug voll Wasser (Osterwasser) nimmt man mit nach Hause. Auf dem Heimweg durfte man kein Wort sprechen und auch von niemandem angeredet werden. Jedoch manch übermütige Burschen hatten die Mädchen zum Lachen oder Sprechen gebracht, dann war die Zauberkraft des Osterbrauchs futsch.
Herzliche Ostergrüße!
Christof Müller


Teil 9 (Original vom 31. März 1999),
Text und Bilder (von Ottostraße 18 bis Pavillon Lederfabrik Reichels Grund): Christof Müller
zurück weiter